Exotische Gymnastik oder heilsame Bewegungskunst

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Exotische Gymnastik oder heilsame Bewegungskunst

Manchmal höre ich, Taijiquan sei mehr als Gymnastik. Aber was genau macht denn Taijiquan mehr? Das interessiert mich sehr lange schon. Und wie kann ich das in meiner Übungspraxis und meinem Unterricht verwirklichen? Ich finde, es sollte etwas Praktisches sein, nicht nur irgend so eine Idee, kein spirituelles Mäntelchen, das ich schnell mal dem Taijiquan umhängen kann.

Anhand der Grundstellung «hüftbreiter Stand» versuche ich, mehr herauszufinden.

Wenn ich tiefer einsteige in die Suche nach dem Mehr des Taijiquan, dann finde ich als erstes das Taiji. Eben jenes Taiji, das im ersten Teil des Namens Taijiquan steckt. Es ist nötig, dass ich jetzt zwei Sätze lang über die Philosophie des Taiji nachdenke. Das Taiji ist hervorgegangen aus dem Wuji, dem unbegrenzten Grund allen Seins, einer Leere, die nicht Nichts ist, sondern die unendliche Fülle der Möglichkeiten, quasi so etwas wie das Urchaos. Taiji ist pures Potenzial und kann alles, was nicht ist, in die Welt bringen, Taiji ist das große Wirkungsvermögen, es trägt unendliche Möglichkeiten in sich und besteht im Zusammenspiel von Ruhe und Bewegung, Taiji, so heißt es, ist die Mutter von Yin und Yang.

Das ist vergleichbar dem Zustand, bevor sich aus dem «hüftbreiten Stand» heraus etwas bewegt. Yin und Yang, links und rechts, Fülle und Leere sind im Augenblick allein als Potenzial da, d. h. ich weiß, dass ich diese Gegensätze hervorbringen kann. Ich ruhe in mir. Ich stehe mit leicht gerundeten Knien, Füße stehen parallel, etwa so weit voneinander entfernt wie meine Hüften breit sind, Fußspitzen weisen nach vorn. Alle Möglichkeiten befinden sich im «hüftbreiten Stand», genauer gesagt in der Mitte. Diese wird im Hüftbereich lokalisiert, die Chinesen sagen im «Dantian», sie ist der körperliche und energetische Schwerpunkt des menschlichen Körpers.

Ok, auch wenn ich das herausgefunden habe, möchte ich es noch einmal anders anschauen. Aus einer entgegengesetzten Sicht. Obwohl Yin und Yang in der Welt sehr gegensätzlich erscheinen, bilden sie in ihrem Ursprung eine Einheit, dort ruht alles, da sind sie Eins. Die Gegensätze werden erst dann erfahrbar, wenn Bewegung ins Spiel kommt. Ein bisschen vergleichbar ist die Einheit, also das Taiji, mit Energie, die ist auch Eins und kann doch für die unterschiedlichsten Zwecke «bewegt» werden. Zum Beispiel ist es einer energiegeladenen Ohrfeige egal, ob sie ausgeteilt oder eingesteckt wird. Die Ohrfeige bleibt sich gleich, allerdings sind die mit ihr verbundenen Erfahrungen sehr gegensätzlich.

Jetzt bewege ich mich. Ich richte mein Bewusstsein auf die Mitte und schiebe die Hüfte aus dem «hüftbreiten Stand» heraus nach links, gleite also mit meiner Mitte – und das heißt mit meinem Bewusstsein – in eine Zone irgendwo zwischen links und rechts. Am Ende befindet sich mein Schwerpunkt vollständig links. Die Mitte ist links, sie ist sich gleichgeblieben, mein Bewusstsein ist durch alle Positionen mitgegangen und ruht immer noch im Dantian, im Äußeren aber gibt es nun die Gegensätze Fülle (Schwerpunkt auf dem linken Bein) und Leere (kein Gewicht auf dem rechten Bein).

Diese so wie alle anderen Polaritäten im Taijiquan sehen von außen gegensätzlich aus, wir spüren sie im Körper als Gegensätze, sie fühlen sich gegensätzlich an, dennoch ist ihre Energie wesenhaft gleich.

Die alten Chinesen wandten die Lehre von Yin und Yang ohne Unterschied auf alles an. Kein Lebensbereich konnte – und kann noch heute – getrennt von den anderen betrachtet werden. Yin und Yang stehen für die wesenhafte Einheit von Himmel und Mensch, von Mensch und Natur, diese Einheit gilt ebenfalls für die Gegensätze in der inneren Natur des Menschen, also für seine moralischen Prinzipien, seine Emotionen und sozialen Kompetenzen. Alles, was in der Welt geschieht, spielt sich zwischen gegensätzlichen Polen ab, zum Beispiel zwischen Leichtfertigkeit und Verantwortung, auch Misstrauen und Vertrauen, Regellosigkeit und Disziplin, Ignoranz und Empathie, Hass und Liebe.

Das geistige Konzept für die wesenhafte Einheit ist das Denken in Analogien. Denn die gegensätzlichen Paare sind keineswegs beliebig gewählt. Im Gegenteil. Sie sind das Ergebnis der Fähigkeit, exakt in Analogien zu denken. Damit gewinnt die Lehre von Yin und Yang eine ungeheure Wucht und Wirksamkeit für den Alltag.

Stelle ich mir beispielsweise Hass und Liebe nicht als unabhängig voneinander vor (so wie es unser westliches, logisches Denken will), sondern als Teile einer wesenhaften Einheit, was bedeutet das für meinen eigenen Hass? Für meine eigene Liebe? Wo befindet sich meine Mitte zwischen diesen Polaritäten? Wie kann ich die Einheit von Hass und Liebe verstehen? Wie sieht die Einheit in meinem Alltag aus? Stehe ich mit beiden Beinen im Leben – so wie im «hüftbreiten Stand» – und mache einen Schritt seitwärts oder vorwärts, bleibt dann mein Bewusstsein tatsächlich in meiner Mitte? So will es das Taijiquan. Wähle ich aus ganzheitlichem Bewusstsein und aus freien Stücken, falls ich hasse oder liebe? Was für ein Bewusstsein ist das, von dem meine Wahl abhängt?

Allmählich fange ich an zu verstehen, was die heilsame Bewegungskunst Taijiquan von einer exotischen Gymnastik unterscheidet. Aber ich will noch ein Stück weiter reflektieren.

Dafür noch einmal zurück zum Anfang, zum «hüftbreiten Stand». Dieses Mal verlagere ich mein Gewicht zwar nach links, genauso wie anfangs, bleibe aber mit meinem Bewusstsein auf der rechten Seite. Was beobachte ich rechts, während mein Schwerpunkt nach links wandert? Rechts wird das Gewicht immer weniger. Das ist keine leichte Übung, meine Aufmerksamkeit will immer wieder auf die linke, «schwere» Seite springen. Ausprobieren, sage ich. Während das Gewicht rechts weniger wird, bleibt jedoch der Fuß mit der Sohle vollständig am Boden. Auch das ist eine Energie, sie fühlt sich nur ganz anders an als die Energie mit Gewicht.

Während ich mich bewege, bin ich mir also bewusst, dass auf einer Seite die Leere zunimmt und auf der anderen Seite die Fülle. Wo die Leere zunimmt, nimmt zugleich die Fülle ab, und wo die Fülle zunimmt, nimmt die Leere ab. So bilden beide in meinem Bewusstsein eine Einheit. Wenn ich ganz genau hinschaue, dann «sehe» ich, wie ich eine Wahl treffe zwischen Fülle und Leere, und zwar, ohne das eine oder das andere dabei aus den Augen zu lassen. In meinem Bewusstsein sind beide Eins. In meinem Bewusstsein kann ich Gegensätze zu einer Einheit verbinden. Mein Bewusstsein ist wie der Schieber auf einer dieser alten Arztwaagen, immer auf der Suche nach der Balance.

Mithilfe dieser Bewusstseinsübung wird mir endgültig klar, wo der Unterschied zwischen Gymnastik und Taijiquan liegt. Die Suche nach dem körperlichen Gleichgewicht bei der beschriebenen Übung ist nicht von der wesenhaften Einheit von Himmel und Mensch, von Mensch und Natur zu trennen, Anstöße gibt dieses Bemühen ebenfalls für die Balance der inneren Natur, also der moralischen Prinzipien, der Emotionen und sozialen Kompetenzen und so fort. Denn die schon genannten Analogien sind nicht allein philosophisch relevant, vielmehr sind sie als geistiges, psychisches und physikalisches Gesetz auf allen Ebenen meines Seins wirksam, eben nicht nur als Konzept. Auch ohne dass ich mir dessen bewusst bin, wirken sie in alle Schichten meiner Persönlichkeit hinein.

Vorausgesetzt natürlich, ich übe mit Ernsthaftigkeit und Ausdauer. Das beginnt mit dem sorgsam ausgeführten «hüftbreiten Stand» und endet nie.

Diese Besonderheit des Taijiquan lässt sich auch gezielt nutzen. Das scheint mir sogar eine ganz ausgezeichnete Gelegenheit zu sein, an der Kultivierung meines Selbst, meiner Persönlichkeit zu arbeiten – vielleicht sogar an meiner Selbstheilung (mit einem Klick auf „Selbstheilung“ wechseln Sie zu meinem Online-Magazin Mensch Vital) – und mich dabei aus der immer offensichtlicher werdenden Sackgasse des logischen, zweckgebundenen Denkens zu befreien. Taijiquan kann mir dabei helfen, mich auf die verlorene Einheit mit dem großen Ganzen zu besinnen und zu lernen, mich als Teil davon zu begreifen und zu empfinden.

Ja! Genau das macht den Unterschied.

© Jürgen Ryżek

4 Kommentare

  1. Der Beitrag von der „Bewußtseinsübung im hüftbreiten Stand“ unter diesem Blickwinkel hat mir eine Übung in die Hand gegeben, wie man Erdung leichter erfahrbar machen kann.
    Wunderbar !
    Er macht mich neugierig auf das Buch.
    Erika Gauper

    • Freut mich sehr, dass die Übung für Sie so hilfreich auch als Erdungsübung ist.

  2. Die Beschreibung der Übung ( bislang praktiziere ich sie als bewusstes Pendeln )von rechts nach links durch die Gewichtsverlagerung und das Erspüren der Mitte auf diese Weise hat mir sehr gut gefallen und ich werde sie so zukünftig noch achtsamer ausführen.
    Vielen Dank

    vera burghard-martin

    • Schön zu hören. Für mich ist Achtsamkeit ebenfalls eine unverzichtbare Haltung beim Qigong und seiner Königsdisziplin, dem Taijiquan. :-)

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